Mittwoch, 28. September 2016

Telearbeit in Teilzeit statt Elternzeit

Heute mal ein sehr persönlicher Beitrag, der manchen vielleicht als Inspiration dienen kann. Muss aber nicht. Jeder Jeck ist anders, wie es hier im Rheinland so heißt. Noch bevor ich im letzten Frühjahr schwanger war, war für meinen Mann klar, dass er gerne größere Beteiligung an unserem Baby haben möchte als nur "nach der Arbeit kurz sehen - wenn überhaupt, weils schon wieder schläft - und den ganzen Tag auf der Arbeit hocken". Er wollte nichts verpassen, ich wollte aber auch nichts verpassen. Was also tun?
Nun waren und sind wir in der glücklichen Lage, dass wir 1) finanziell eine größere Auswahlmöglichkeit haben als das klassische Modell bei dem der Mann mehr verdient als die Frau und es unsinnig oder zumindest mit Einbußen verbunden wäre, wenn der Mann längere Zeit in Elternzeit geht und 2) ich einen relativ aufgeschlossenen und großen Arbeitgeber habe, der sich "sozial" und "familienfreundlich" zumindest versucht auf die Fahne zu schreiben.

Erste Idee: Ich bleibe ein Jahr zuhause und mein Mann das zweite Jahr komplett.
Nachteil ist hier, dass ich meinen Job liebe und da ich aktuell in einem Projekt eingebunden bin, das nur noch wenig länger als ein Jahr (gerechnet nach der Geburt) gehen sollte, wäre das für mich dort das Aus gewesen und ich hätte nach dem Jahr innerhalb des Unternehmens eine andere Stelle bekommen. Wäre besser gewesen als keine Stelle aber schade wäre es auf jeden Fall gewesen.

Zweite Idee: Ich gehe nach dem Mutterschutz wieder arbeiten und mein Mann bleibt ein Jahr zuhause.
Das war unser umfangreichstes Gedankenkonstrukt. Wie soll das mit dem Stillen gehen? Wie soll das nach einer harten schlaflosen Nacht gehen? Schaffe ich das? Schafft mein Mann das?
Und da muss ich sagen, haben wir eine für uns perfekte Lösung gefunden. Und die Idee war sogar noch vor Bekanntgabe der Schwangerschaft bei meinem Arbeitgeber spruchreif, was im Nachhinein von Vorteil war.
In unserem Modell habe ich 8 Wochen nach der Geburt wieder begonnen zu arbeiten - statt Vollzeit (37,5h) allerdings in Teilzeit mit 30 Wochenstunden (5 x 6h) in Verbindung mit Telearbeit. Bei der Kopplung an die Telearbeit hat man zumindest bei uns nicht die klassische Teilzeit, die unbefristet so lange gilt wie man selbst und der Chef das in Ordnung finden. Ich kenne einige Kolleginnen in Teilzeit, die es nicht mehr in Vollzeit zurückgeschafft haben, weil das Unternehmen immer irgendeinen Grund gefunden hat, weshalb dies nicht gewünscht bzw. nicht möglich ist. Von daher war es mir sehr Recht, dass ich vordergründig also "Telearbeit in Teilzeit" statt "Teilzeit mit Telearbeit" haben kann. Am tollsten wären natürlich flexible Präsenztage im Büro gewesen aber in der Betriebsvereinbarung ist festgeschrieben, dass es mindestens ein Tag in der Woche sein muss und dieser Präsenztag ist fest zu wählen. Rotation nicht möglich, Tausch nicht erwünscht - zur beiderseitigen Sicherheit. Ich machte mir furchtbare Sorgen, wie das wohl gehen sollte aber mein Mann war da total entspannt "Dann kommen wir eben mit, du hast ja Stillpause. Wo ist das Problem?".

Als wir dann mit dieser Alternative vor Augen vor uns hin planten, war zuerst angedacht, dass unser Kind nach einem Jahr in die Kita oder zu Tageseltern geht und mein Mann auf Teilzeit (klassisches Modell) es mittags nach Hause holt. Mein Mann ist ein ziemlicher Planer und hatte dann allerdings schnell ausgerechnet, dass sich das hinten und vorne nicht lohnt im Vergleich mit einem Elternteil, das komplett zuhause bleibt. Mir war auch nicht ganz wohl bei dem Gedanken, ein einjähriges Kind bereits "abzuschieben" und so waren wir sehr schnell bei dem Plan, dass mein Mann 2 Jahre zuhause bleibt.

Während wir also so planten und ich auf der Arbeit noch nichts verraten hatte (schon 12. Woche und ich war sooo kurz davor es endlich zu sagen) lud mein Chef mich plötzlich zu einem Gespräch ein. Ich hatte schon leichte Panik. Hatte jemand was bemerkt? Ich hatte mich gerade bei der Übelkeit so bemüht, mir nichts anmerken zu lassen und hatte auch keinen Tag gefehlt deswegen. Aber was soll ich sagen, es gab gute Nachrichten. Mir stünde im Frühjahr 2016 eine kleine Beförderung mit mehr Entgelt zu. Ich war kreidebleich. Ausgerechneter Geburtstermin war Weihnachten 2015. Panik, Mutterschutz Januar und Februar.... wie sollte das gehen? Wenn ich jetzt von der Schwangerschaft berichte wars das mit mehr Entgelt. Panik, Panik.... und ich tat, was vielleicht falsch war oder richtig, wir werden nie erfahren ob es anders hätte laufen können: Ich beichtete meine Schwangerschaft. Mein Chef war im ersten Moment mindestens so kreidebleich wie ich mich fühlte ABER dann sprudelte es aus mir heraus, wie wir uns das so gedacht hatten und meinem Chef wurde klar, dass ich nicht langfristig ausfallen wollte. Er fing sich recht schnell wieder, gratulierte und meinte selbst, dass das Timing ja wohl unübertrefflich sei.

Und so kam es wie geplant. Das Jahr 2016 verbringe ich komplett in Teilzeit, wobei sich die Präsenztage seit Herbst langsam von Monat zu Monat erhöhen bis ich ab Oktober dann 3 Tage pro Woche im Büro bin. Unsere Kleine wird aktuell noch nachmittags und nachts gestillt, die restlichen Mahlzeiten kocht der Papa stolz und den Brei isst sie auch nur von ihm. Bei der Mama gibts Milch, beim Papa den Brei. Alles andere straft sie nur mit einem "Was willst du denn jetzt von mir?"-Blick.

Diese Lösung an sich passt wunderbar zu uns, klappte und klappt aber auch hauptsächlich nur so gut, weil unsere Tochter extrem brav ist. Es gab besonders im ersten halben Jahr sehr viele Nächte, wo ich 6-10 Stunden am Stück schlafen konnte um so Kraft zu tanken. Denn Kräftezehrend ist es. Besonders mit Stilldemenz.... tja, die gibts tatsächlich. Und wenn ich mich vormittags total auf die Arbeit konzentrieren musste, weil mal wieder der Teufel los war, dann ist den Rest des Tages kognitiv bei mir nichts mehr zu machen. Dann kann ich rechts nicht mehr von links unterscheiden.

Allgemein muss ich auch sagen, dass sich manche Kollegen mit der Teilzeit schwer tun. Das Home Office ist es gar nicht mal, das kann per Email und Telefon und Instant Messaging schnell zur Gewohnheit werden. Aber sie mussten sich sehr daran gewöhnen, dass ich spätestens um 13 Uhr (meistens schon um 12) nicht mehr zur Verfügung stehe. Dann braucht man mich nicht mehr anrufen, weil dann gehe ich nicht mehr dran. Für nachmittags übernimmt eine nette Kollegin in "Notfällen", die nicht bis morgen warten können, die Vertretung. Und die Menge der Aufgaben hat sich nicht wirklich verringert. Im Home Office bekomme ich zwar mehr geschafft als im Büro, weil nicht alle paar Minuten jemand an meiner Theke steht, aber trotzdem ist es ein Unterschied ob man für die selbe Arbeit 6 oder 7,5 Stunden zur Verfügung hat und das wird wohl bis Ende des Jahres leider so bleiben. Großartige Verringerung sehe ich da nicht, wer solls machen außer meiner Vertretung?

Abschließend würde mich noch interessieren, welche Modelle ihr so macht, gemacht habt oder machen würdet?